Wie kommt es zu der Interdependenz zwischen Motorik-Kognition-Emotion und Psyche?
Sich bewegen lernen heißt, handeln lernen. Dazu gehört, dass der Mensch sich über die Sinne in der Umwelt orientiert. Ferner gehört aber auch, dass er emotional und intellektuell angemessen zu Situationen reagiert.
In der Psychomotorik
geht es in der ersten Linie um die Entwicklung einer stabilen, kompetenten Persönlichkeit eines Menschen. Damit er im Rahmen seiner Möglichkeiten erfolgreich und im Einklang mit gesellschaftlichen Konventionen sich mit der Umfeld auseinander setzen kann.
Die Psychomotorik ist nicht störungs- und defektorientiert.
In der Psychomotorik
setzen wir auf eine Erlebnis- und Persönlichkeitsorientierung, bei der sich Kinder spielerisch frei und ungezwungen handelnd äußern und entwickeln können. Die Psychomotorik bestimmt dadurch eine spezifische „motopädagogische“ Einstellung zum Kind.
Besonders ist noch zu erwähnen, dass es bei dieser Auffassung dann keinen „richtigen“ oder „falschen“ Umgang mit einem Gegenstand, oder mit einer Bewegungsaufgabe gibt. Alle Varianten der Handhabung sind erlaubt, so dass jedes Kind auf seinem Entwicklungsniveau mit den Objekten, oder mit der Situation umgehen kann.
In der Psychomotorik
findet auch das schwächste Glied einen Platz und erfährt, dass es gebraucht wird.
Da alle Handlungsmöglichkeiten erlaubt sind, fallen Negativformulierungen wie: „das machst Du falsch!“ weg.
Sie werden ersetzt durch: „Und was kann mit dem Gegenstand noch alles machen?“.
So erreicht man neue Ziele, ohne dass eine Versagenssituation vorausgegangen wäre.
In der Psychomotorik
spielen, neben den pädagogischen, auch die medizinischen und die psychologische Kenntnissen eine zentrale Rolle.
Wie wirkt die Psychomotorik auf ein Kind?
Warum braucht der Psychomotoriker auch medizinische Kenntnisse?
Jeder Mensch hat „Antennen“: Die Augen, die Ohren und andere.
Diese „Antennen“ machen es überhaupt möglich, dass wir Informationen von außen,
wie z. B.das Sehen, das Hören, das Spüren, das Schmecken und Riechen, die Gleichgewichtsempfindungen
und Informationen von innen unseres Körpers,
wie z.B. Schmerzen oder Blechungen
wahrnehmen.
Für uns Erwachsene ist das selbstverständlich, dass uns unsere „Antennen“ diese Informationen vermitteln und wir sie wahrnehmen.
Aber das war nicht immer so.
Wahrnehmen haben wir doch erst lernen müssen.
Wenn wir ein Baby in seinem Bett betrachten, sehen wir, wie unfähig es ist, angemessen auf Reize zu reagieren.
Es sieht doch, hört und spürt. Und trotzdem kann das Kind mit dem Gesehenem, Gehörtem, oder Gespürtem nicht so umgehen wie ein Erwachsener. Warum?
Weil wir den Umgang mit den Sinnenreizen erst lernen müssen.
Wir müssen die Antennen richtig einstellen (genauso wie beim Radio oder Fernsehern).
Beim Fernsehen reicht es auch nicht, die alle erforderlichen Komponenten, wie z. B. Antenne und Gerät zusammen zu schließen, man muss sie noch abstimmen, ja sogar feinabstimmen. Das geschieht durch viele Versuche die entweder manuell oder automatisch vorgenommen werden.
Bei einem Kind ist fast genauso nur etwas komplizierter. Durch viele Handlungsversuche in Spielsituationen werden Sinneseindrücke miteinander und aufeinander abgestimmt, damit ein möglichst vollständiges Bild der Wirklichkeit entstehen kann. Wir Erwachsene erleben diesen Prozess auch, wenn wir z.B. Autofahrenlernen.
Unsere Augen sehen alles, aber wir müssen erst lernen, die Entfernung und die Zeit die man braucht zu dem anderem Auto zu berechnen indem wir unsere Geschwindigkeit und die Geschwindigkeit von dem anderem mitberücksichtigen, oder den Platz für den Wendekreis richtig einschätzen, oder beim Einparken die Breite unseres Wagens müssen wir lernen förmlich zu spüren.
Unsere Kinder müssen lernen, mit Sinneseindrücken umzugehen (also abstimmen) um diese auch sinngemäß anwenden zu können.Deshalb brauchen sie abwechslungsreiche, dem Alter angepasste Bewegungsangebote. In der Primärstufe, neben freiem Experimentieren mit Materialien und mit eigener Geschicklichkeit und mit der Gewandtheit, hat sich zum Beispiel der „bewegte Mathematikunterricht“ oder „das rollbrettfahrende Lesen“ sehr bewährt.
Psychomotoriker glauben mit Hilfe ihrer Methode einen positiven Einfluss auf die gesamte Entwicklung des Kindes nehmen zu können. Aber zu den wichtigsten Bereichen, die mit dieser Methode gefördert werden können, gehören:
Entwicklung einer stabilen selbstbewussten Persönlichkeit, Sprachförderung, Förderung des logischen Denkens, Schulung der Geschicklichkeit und der Gewandtheit, Optimierung der Funktionsfähigkeit aller Wahrnehmungsbewusstseinsmodalitäten, Steigerung der sozialen Kompetenz, Bildung eines Selbstkonzeptes (nach Zimmer).
Einer der wichtigsten Bereiche, mit denen sich die Psychomotorik befasst, ist die Förderung der Integrationsfähigkeit des Kindes in die Gruppe und dann in die Gesellschaft (also die Sozialisation).
Die Förderung dieser somato-psycho-soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten verläuft nicht linear, sondern als induktive Wechselwirkungsschleife, die wir als Interdependenz bezeichnen.